Jeder kann zum Amazon seiner Branche werden

EF-IT 2019

Christian Scherzer vom Softwarehersteller DATANAUT ist überzeugt, dass die Digitalisierung jedem Unternehmen helfen kann. Man muss sie allerdings konkret und individuell umsetzen und vorher die Bedingungen sorgfältig analysieren. Sonst bleibt der Begriff ein reines Marketing-Instrument.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will sich „einen Platz als führendes Digitalland erkämpfen“. Seine Aussage zeigt: Das Thema Digitalisierung ist bis in oberste Ebene der Politik angekommen. Und da wundert es auch nicht, dass gefühlt täglich vom Begriff „Digitalisierung“ zu lesen ist und die Google-Suchanfragen zu dem Thema seit 2014 um das zehnfache zugenommen haben.

Auch bei kleinen und mittelständigen Betrieben ist die Digitalisierung inzwischen zur Aufgabe geworden. „Die Notwendigkeit sollte inzwischen klar sein“, sagt Christian Scherzer, Key-Account Manager beim Hildesheimer Softwarehersteller DATANAUT. Er ist überzeugt: Jedes Unternehmen kann und sollte sich mit guten IT-Lösungen optimieren und für die Zukunft besser aufstellen. Er räumt aber ein: Der Begriff Digitalisierung sei schwammig und unkonkret. Und: Digitalisiert wird schon seit Jahrzehnten, nicht erst seit ein paar Jahren.

In diesem Sinne kann er vor allem kleineren Unternehmen zwei Bedenken nehmen: Erstens kann „Digitalisierung“ auch bedeuten, im Kleinen etwas zu verbessern, das Unternehmen konkret hilft, ohne alles revolutionieren zu müssen. Zweitens stünde Digitalisierung nicht (unbedingt) für hochkomplexe, teure, womöglich auf Deep Learning basierenden Informationstechnik, die schier unglaubliche Aufgaben erledigt.

Nein. Vielmehr bedeute der Begriff das, wofür er schon immer stand, sagt Christian Scherzer: Mithilfe von digitalen Lösungen, zum Beispiel einer passenden Software, Abläufe in Unternehmen verbessern und Probleme lösen, die sich analog nicht lösen lassen. Etwa wenn der Mechaniker neuerdings mit einem Tablet zum Kunden fährt, mit dem er auf alle Maschinen- und Kundendaten, technische Zeichnungen, Wartungsintervalle und aktuelle Ersatzteilverfügbarkeiten Zugriff hat. Vorher musste er für solche Informationen in der Firma anrufen. Oder wenn der Agrar-Dienstleister für den Versand seines Newsletters mit Informationen etwa über Wetter und Dünge-Bedingungen nicht mehr diverse Schritte per Hand erledigen muss und jetzt alles viel schneller geht.

Größe von Amazon schreckt ab

Auch wenn große Unternehmen wie Amazon manchmal einen anderen Eindruck erwecken: Dass Amazon so erfolgreich ist, liegt nicht an einer Zauberformel oder einer Super-Software, die in Geheimlaboren entwickelt wird, sagt Christian Scherzer. Auch Amazon arbeite mit Informationstechnik und – um beim Begriff zu bleiben – einer Digitalisierung, die im Prinzip jedes Unternehmen einsetzen kann.

Amazon ist deshalb einerseits ein schlechtes Beispiel für die Digitalisierung, weil viele Unternehmen die Größe abschreckt und Sorgen haben: So groß wie Amazon will/kann ich nicht werden. Christian Scherzer sagt: Muss ja auch nicht. Andererseits kann Amazon aber auch ein gutes Vorbild sein – weil das Unternehmen die Digitalisierung weit über die Online-Shop-Funktion hinaus nutzt. Deshalb sagt Christian Scherzer von DATANAUT auf Vorträgen und Konferenzen gerne den Satz: „Jeder kann zum Amazon seiner Branche werden.“ Was – nochmal – nicht bedeutet, dass jedes Unternehmen zum Weltkonzern werden muss, um digitale Lösungen erfolgreich für sich nutzen zu können.

„Weil das alle machen“ ist keine gute Motivation

Wie also anfangen mit dem Projekt Digitalisierung? Christian Scherzer empfiehlt Unternehmen ein paar grundlegende Gedanken zum Thema, bevor es richtig losgeht. „Sie sollten sich die Frage beantworten, warum sie das überhaupt machen wollen.“ Und die Antwort „weil das alle machen“ sei eine ziemlich schlechte. Bessere Gründe könnten sein:

  • Die Kunden haben Anforderungen, die das Unternehmen bisher nicht erfüllen kann.
  • Es gibt konkrete Baustellen, also Prozesse, die nicht gut laufen, die zu schlechten Ergebnissen führen oder einfach ressourcenaufwändig und langsam sind.
  • Unentdeckte Baustellen könnten ebenfalls Motivation sein, sich mit Digitalisierung zu beschäftigen. Hier geht es weniger um die Lösung eines konkreten Problems, sondern darum, Verbesserungspotenzial zu erkennen bei Prozessen, die eigentlich schon gut eingestellt sind.
  • Unentdeckte Baustellen könnten ebenfalls Motivation sein, sich mit Digitalisierung zu beschäftigen. Hier geht es weniger um die Lösung eines konkreten Problems, sondern darum, Verbesserungspotenzial zu erkennen bei Prozessen, die eigentlich schon gut eingestellt sind.

Der nächste Schritt kann dann darin bestehen, einen IT-Dienstleister zu kontaktieren und die Umsetzbarkeit zu besprechen. Aber: Unternehmen sollten sich vorher genau fragen, ob es wirklich bereit ist für diesen Schritt. Denn der könnte bedeuten, dass für eine gewisse Zeit zum Beispiel Mitarbeiter gebunden sind und weniger für das operative Geschäft zur Verfügung stehen. „Das ist auch ein Grund, warum man sich um das Thema nicht kümmert“, sagt Christian Scherzer, „viele Unternehmen haben die Auftragsbücher voll und kommen nicht dazu.“ Dabei sei eine wirtschaftliche gute Situation eigentlich genau der richtige Zeitpunkt, sich für die Zukunft zu stärken.

Seriöse Anbieter starten mit Analyse

Der Kontakt zum IT-Dienstleister kann sehr unterschiedlich ablaufen. Manche Unternehmer würden einem direkt „große Projekte aufschwatzen“, sagt Christian Scherzer. Seriöse Anbieter würden erstmal die Ist-Situation analysieren. Besonders gut funktioniere das zum Beispiel in einem Technologieverbund, weil dort alle Kompetenzen von Software über Hardware bis IT-Sicherheit gebündelt sind. So hat comTeam ein Analyse-Verfahren entwickelt, das zwei bis drei Tage dauert und bei dem mit einem 360-Grad-Blick geprüft wird, wo Digitalierungspotenziale im Unternehmen liegen. Diese werden in einem Empfehlungskatalog festgehalten. Eine Empfehlung könnte beispielsweise lauten, Software zu integrieren, wenn zu viele verschiedene Programme verwendet werden. Auch ein solcher Schritt kann Teil einer Digitalisierungsstrategie eines Unternehmens sein. Christian Scherzer: „Digitalisierung bedeutet für jeden etwas anderes.“

Wie der Digitalisierungsprozess am Ende konkret aussieht, ist ebenfalls sehr individuell. Für große Projekte lässt sich viel Geld ausgeben. Das muss aber nicht sein: Auch kleine IT-Lösungen können im Alltag große Verbesserungen bringen. „Man kann das Schritt für Schritt machen. Viele sind abgeschreckt, weil sie vom Ende her denken und dann ein Mammut-Projekt vor Augen haben“, sagt Christian Scherzer.

Digitalisierungs-Flatrate
Schritt für Schritt bei festen Kosten

Sein Unternehmen DATANAUT hat unter anderem deswegen eine Art Flatrate-Modell entwickelt. Die Kunden vereinbaren Zielvorgaben, was beispielsweise in den kommenden drei Monaten umgesetzt werden soll. Dafür zahlen sie DATANAUT monatlich einen vereinbarten Betrag und bekommen dafür die feste Zusage, dass die vereinbarten Ziele erreicht werden, alle nötigen Betriebslizenzen und einen unbegrenzten Support. „Das ist wie eine eigene IT-Abteilung im Haus zu haben.“

Der Kunde kann monatlich kündigen und geht somit ein überschaubares Risiko ein. Auch deshalb könnte das Flatrate-Modell helfen, die Scheu vor der Digitalisierung zu verlieren: Für Unternehmen sind die Kosten transparent und planbar. Die Digitalisierung könnte so sozusagen als Kostenstelle verstanden werden, wie Personalkosten oder die Wartung der Maschinen.


Quelle: EFIT - Das comTeam Kundenmagazin Ausgabe März 2019